Mit einem besonderen Konzert feiern die Wiltener Sängerknaben ihr 80-jähriges Bestehen seit der Neugründung sowie das fünfjährige Jubiläum des Wiltener Mädchenchores. Im Zentrum des Abends steht eines der eindrucksvollsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts: die Carmina Burana von Carl Orff.
Der lateinische Titel Carmina Burana bedeutet so viel wie „Lieder aus Beuern“, benannt nach dem oberbayerischen Kloster Benediktbeuern, wo im Jahre 1803 etwa 250 Gedichte und Lieder aus dem 13. Jahrhundert aufgefunden worden sind. Der überwiegende Teil ist in Latein verfasst. Den kleineren Teil bilden Verse in französischer und mittelhochdeutscher Sprache, letztere mit bayerischem Einschlag. Die Dichtungen spiegeln in einzigartiger Weise den Zeitgeschmack des Mittelalters wider, auch die Tendenz hin zur weltlichen Poesie. Von daher ist bemerkenswert, dass die unzähligen anonymen Dichter der Carmina Burana aus kirchlichen Kreisen stammten. Sie waren sogenannte „Goliarden“, wandernde Scholaren und Geistliche aus niederen Schichten. Die Gedichte bestehen aus Minneliedern, Trinkliedern, Satiren, Liedern mit geschichtlichem, mythischem, religiösem und moralischem Inhalt, kurz: Lieder, die „Ernstes und Scherzhaftes, sozusagen Heiliges und Unheiliges bunt durcheinander gemengt“ enthalten.
Der Komponist Carl Orff hat aus der großen Sammlung vierundzwanzig Gedichte ausgewählt und vertont. Manche waren schon mit Melodie überliefert. Er hat aber nur die Texte übernommen, die Musik ist durchweg neu. Orff hat seine Auswahl unter die drei großen Themen Frühling, Schenke und Liebe gestellt und mit der berühmten Anklage des Schicksals eingerahmt (Nr.1 und Nr. 25). Fortuna, das Schicksal, wird als „rollendes Rad von böser Art“ dargestellt, vor dessen ewigem Auf und Ab keiner entfliehen kann und das den Stärksten zu Fall bringt.
Es gibt keine zusammenhängende Handlung und keine konstanten Figuren. Vielmehr zieht ein Reigen bunter Szenen und Bilder am Hörer vorbei. Das scheinbar sich selbst genügende Spiel zu Füßen der Glücksgöttin Fortuna unterliegt in Wahrheit ihrem Gesetz. Die Figuren bewegen sich gleich Marionetten an ihren Spielfäden nach dem Maß ihres sich drehenden Schicksalsrades. Zwar werden wir in vielen Einzelsätzen der drei Hauptteile (Im Frühling / Auf der Festwiese – In der Schenke – Liebeshof) Zeugen scheinbarer Ausgelassenheit: Da freuen sich die Menschen des Frühlings, erfahren das Glück der Liebe, genießen Geselligkeit in der Schenke und singen beißende Spottlieder. Doch sind sie unerbittlich dem Kreislauf des sich beständig wendenden Schicksals unterworfen. Der Anfangs- und Schlusschor „O Fortuna“ ist eine monumentale Klage des Menschen, der dieses Ausgeliefertsein als bedrückende Lebenslast erfährt. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Orff die Carmina Burana – trotz aller Fröhlichkeit – sein „dunkelstes Stück“ genannt hat.
So schlicht und eindringlich die Verse sind, so elementar und bezwingend ist die Musik von Carl Orff. Auf der einen Seite stehen motorisch vorwärtstreibende Rhythmen und musikalische Figuren, die ständig wiederholt und bis zur Ekstase gesteigert werden, auf der anderen Seite ruhige, frei schwingende Melodien über lang ausgehaltenen Begleittönen. Orff vermeidet komplizierte Melodien und scharfe Spannungsklänge, die für die Musik seiner Zeitgenossen typisch sind, dafür ist der Rhythmus umso raffinierter durchdacht.
Die Wiltener Sängerknaben singen das Werk in der von Carl Orff autorisierten Fassung für zwei Klaviere und Schlagwerk.
Chöre und Solisten der Wiltener Sängerknaben, Chöre der Wiltener Sängermädchen
Vanessa Waldhart, Sopran, Pascal Ladner, Countertenor, Hanspeter Niedermair, Bariton, Marcel Lobenwein, Bariton, Victor Y. Dublyansky, Bass
Klaviere: Fausto Quintabà, Alexander Ringler
Schlagwerkensemble des Tiroler Landeskonservatoriums
28.6.2026 18:30
Congress Innsbruck / Saal Tirol




